Günter Bartoschs Bücher (aus 2013)
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- Wie es begann -

Meine Frau hatte Schmerzen in der Hüfte. Und Angst vor einer Operation. Bei einem Besuch bei Freunden in den USA war es ihr nicht möglich, lange Wege auf den Flughäfen zu gehen; ich mußte stets Rollstühle anfordern. Das war unsere erste Bekanntschaft mit Rollstühlen.

Die schmerzhaften Erfahrungen unserer Reise bewirkten dann doch, dass meine Frau bereit war, eine Hüftoperation vornehmen zu lassen. Diese verlief ausgezeichnet, meine Frau freute sich, dass sie schmerzfrei war, und sagte, wenn sie gewußt hätte, wie das verlaufen ist, hätte sie sich schon viel früher zu der Operation entschlossen. Für uns beide gab es ein großes Aufatmen.

Aber wenn ich zurückdenke, dann war unmerklich etwas eingetreten, dass sich für die Zukunft als sehr schwerwiegend herausstellen sollte: Angst ! Nie wieder einen Schaden erleiden, der Schmerzen verursachen könnte !

Angst kann zur Psychose werden. Ein Fall für den Psychotherapeuten. Für diesen ein Fall zur stationären Behandlung. Überweisung in ein Kranken-haus. Nach einigen Wochen in einer neurologischen Klinik eine wesentliche Besserung des Allgemeinzustands. Wieder ein Aufatmen.
Doch eines blieb: Angst beim Laufen. Nur nicht hinfallen ! Dann ganz plötzlich ein Sturz auf der Treppe. Behandlung beim Orthopäden. Gründliche Untersuchung mit Röntgenaufnahmen. Fazit: Fraktur der Wirbelsäule sowie Osteoporose - Abbau von Knochensubstanz.

Der orthopädische Facharzt war ehrlich. Er sagte zu meiner Frau: “Ich kann den Verschleiß aufhalten, ich kann Schmerzen lindern, aber heilen kann ich Ihre Erkrankung nicht.” Hoffnungsvolle Worte ? Teils-teils. Die Aussage war im Endeffekt schwerwiegend, aber das begriff ich nicht.

Abermals Aufatmen. “Wir hoffen immer, und in allen Dingen ist besser hoffen, als verzweifeln”, heißt es bei Goethe im “Tarquato Tasso”. So war es. Es folgten Krankengymnastik. Zwei Jahre lang. Mit gutem Erfolg. Teilweise privat finanziert - neben den ohnehin notwendigen Zuzahlungen -, wenn der Arzt an der Grenze seiner Verschreibungsmöglichkeit angekommen war.

Die Behandlung steigerte die Beweglichkeit, war aufbauend und stimmungs-fördernd. Doch eines hatte sich festgesetzt, wahrscheinlich im Unter-bewusstsein und kam gelegentlich an die Oberfläche: Die Angst. Damit zusammenhängend Unruhe, Konzentrationsschwäche, Depressivität.

Immer wieder sporadische Besuche beim Psychotherapeuten. Der tat, was er tun konnte, verordnete Medikamente. Dazu gab er den Hinweis: “Man muß testen, welches Medikament am besten wirkt, denn das ist von Fall zu Fall anders.” Testphase jeweils ca. sechs Wochen. Mir gefiel das nicht, meine Frau vertraute darauf.

Alle Medikamente gehörten zur Gruppe von Arzneimitteln, die Antipsychotika genannt werden: “Zur Behandlung depressiver Verstimungen, insbesondere vom ängstlich-agitierten Typ.”

Innerhalb von neun Jahren wurden 24 verschiedene Medikamente “gestestet”, allerdings von drei Psychotherapeuten nach Arztwechsel.

Der erste gab seine Praxis auf, der zweite erwies sich als nicht zuverlässig. (Bei einem starken Depressionsschub meiner Frau gab es keinen Termin für sie - “Der Doktor ist restlos ausgebucht” -, und meine Bitte, der Doktor möge wenigstens mal telefonisch zurückrufen, mit meiner Frau sprechen und sie beruhigen, wurde nicht erfüllt.)

Der dritte gab sich alle Mühe mit dem Austesten der Medikamente, war aber nicht so ehrlich wie der Orthopäde, der gesagt hatte, dass er die Beschwerden lindern, aber die Erkrankung nicht heilen könne.

Aus all dem wird ersichtlich, dass ich meine Frau mit dem Auto zu Ärzten, zu Untersuchungen in Krankenhäuser, zu Bestrahlungen, zur Krankengymnastik, aber zum Beispiel auch zum Friseur fahren mußte. Die Notwendigkeit, sie auch in die jeweiligen Räume zu bringen, brachte Parkprobleme fürs Auto mit sich. Ich kam auf den Gedanken, einen Schwerbehindertenausweis für meine Frau zu beantragen.

Viel zu spät ! Es hätte schon zwei Jahre vorher sein sollen. Und das ist schon mal mein Tipp für Sie: Zögern Sie nicht ! Stellen Sie frühzeitig Anträge, zum Beispiel für Schwerbehinderung. Bis ich dann den Antrag für die Pflegeversicherung stellte, ließ ich wieder ein Jahr verstreichen.

Mein Antrag zur Schwerbehinderung meiner Frau wurde gründlich geprüft mit Stellungnahmen der behandelnden Ärzte, mit Krankenhausprotokollen und Untersuchungsresultaten.

Das Ergebnis war ein Schock für mich (meine Frau ließ es kalt): Der festgestellte Grad der Behinderung beträgt 100% (!)

Darüber hinaus wurde angemerkt:
Der schwerbehinderte Mensch ist in seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt - erheblich gehbehindert. Der schwerbehinderte Mensch bedarf ständiger Begleitung, der schwerbehinderte Mensch ist hilflos. (Die Unterstreichung von Amts wegen !)

Einen Antrag auf Parkerleichterung hätte ich gesondert bei der zuständigen Straßenverkehrsbehörde stellen müssen. Diese Genehmigung sei nur schwer zu bekommen, sagten mir die Ärzte. Zudem stellte ich fest, dass es viel zu wenig Parkplätze für Behinderte gibt; unsere Gesellschaft ist darauf nicht eingestellt. In meinem/unseren Fall war es so, dass meine Frau ohnehin nicht mehr die Wohnung verlassen konnte. Das Laufen fiel ihr schwer, mehrfach stürzte sie.

Es ging weiter, die erwähnte Treppe hinauf. Die Kosten, die die Erkrankung mit sich brachten, nahmen zu. Erst ein Jahr nach der Beantragung des Schwerbehindertenausweises stellte ich Antrag auf “Leistungen bei Pflegebedürftigkeit”, also zur Pflegeversicherung.

Warum erst so spät ? Das frage ich mich heute. Und gebe mir die Antwort: Ich mußte erst Anlauf nehmen. Der Alltag hält in Atem. Die Dinge, die Entscheidungen erfordern, über die man sich informieren, mit denen man sich beschäftigen muß, schiebt man vor sich her. Dabei ist es so wichtig, diese Angelegenheiten in Angriff zu nehmen.

Schließlich dann doch die Antragsformulare angefordert bei der Krankenkasse. Wieder ist man konfrontiert mit den Notwendigkeiten der Ausfüllung. Begründungen erstellen, Unterlagen zusammensuchen, Ärzte um Stellungnahmen bitten. Eigentlich lässt einem der Pflegealltag weder Zeit noch Konzentration dafür. Wieder zieht sich etwas in die Länge.

Ich versetze mich in die Lage derer, die nicht so versiert im Schreiben und im Argumentieren sind. Es ist doch verständlich, wenn jemand, der Tag für Tag einen Pflegefall zu betreuen und sich darauf zu konzentrieren hat, resigniert und eine Angelegenheit zur Seite schiebt, mit der er sich auseinander zu setzen hat. Dennoch, es muß sein. Vielleicht finden Sie bei jemand Hilfe, bei Verwandten, bei Freunden, bei Hilfsbereiten.

Nur müssen Sie wissen: Die Probleme beginnen erst !

Der Antrag selbst ist noch die geringste Hürde. Es folgt eine Untersuchung der pflegebedürftigen Person durch den MDK, das ist der “Medizinische Dienst der Krankenkassen”. So nennt er sich. Der Medizinische Dienst hat den Versicherten in seinem Wohnbereich zu untersuchen. Das ist die Grundregel (Sozialgesetzbuch XI § 18 Abs. 2).

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