Günter Bartoschs Bücher (aus 2013)
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- Prekäre Situation der Pflege -


Eine Theorie besagt, dass auf 100 Pflegebedürftige 25 Pflegekräfte eingesetzt sein sollen. Wie immer bei derartigen Mitteilungen fehlt es an Detailangaben.

25 Pflegekräfte verteilt auf drei Schichten ? Handelt es sich dabei um eine Stamm-mannschaft, die ein eingespieltes Team bildet ? Auch hierfür gibt es eine Theorie, die allerdings nicht festgeschrieben ist: Es müssen mindestens 50 % des eingesetzten Personals Fachkräfte sein. Abgesehen davon, dass die Frage offen bleibt, was mit dem Begriff “Fachkräfte” gemeint ist, und ob sie als Vollzeit- oder Teilzeitkräfte beschäftigt sind, wären es zu wenig. Und dieser Mindestaufwand an “Fachpersonal” wird in aller Regel noch unterschritten durch Beschäftigung von Hilfskräften, die als “Fachpersonal” für Pflegeheime wohl kaum bezeichnet werden können. Die Ausbildungs-verfahren für derartige Beschäftigte hatte ich schon erläutert.

Neuerdings sollen aber auch arbeitslose Frauen in Kursen zu sogenannten “Pflegeassistentinnen” ausgebildet werden. Gedacht ist ihre Aufgabe als Ansprech- und Betreuungspersonen für Demenzkranke. Das ist ein lobens- wertes Vorhaben. Zusätzlich zur Unterstützung des angestammten Pflege-personals wären sie zu begrüßen. Doch wie lange wird es dauern, bis diese “Pflegeassistentinnen” wegen des Mangels an ausgebildetem Fachpersonal als “Pflegekräfte” eingesetzt werden ?

Die Gesundheitsministerin der Großen Koalition, Ulla Schmidt (SPD), sagte (29. Januar 2009) im Fernsehen, in der Pflege seien Zeit und Zuwendung für die Erkrankten notwendig, ebenso wie positiver Zuspruch. “Problem erkannt”, heißt es dann bei Politikern. Ändern tut sich nichts. Bei Ulla Schmidt wurde die Lösung auf spätere Reformen verschoben, die erfahrungsgemäß eher Verschlechterungen als Verbesserungen mit sich bringen.

Auch Amtsnachfolger Philipp Rösler (FDP) schiebt das Problem Pflegenotstand vor sich her. Er lässt sich von Fachleuten informieren, “erkennt” die Problemlage, und dass Verbesserungen dringend nötig seien, aber nichts geschieht.

Die Vertrautheit der Altenpflegerinnen und Altenpfleger mit der Psyche, den Beschwerden und den Krankheiten der Pflegebedürftigen in ihrer Obhut ist gefährdet durch wachsende Belastungen. Jeder Heimbewohner hatte bislang einen Hausarzt, der seinen Patienten auch im Pflegeheim gelegentlich aufsuchte. Ärztliche Untersuchungen im Stil einer Praxis-Behandlung kamen dabei nicht zustande, aber der Arzt war Ansprechpartner und Ratgeber, sowohl für seinen Patienten, als auch für das Pflegepersonal. Vielfach ergaben sich Situationen, bei denen das Pflegepersonal telefonisch beim Arzt Nachfragen hielt oder Rezepte bestellte.

Dieser bislang üblich gewesene Brauch wird erheblich beeinträchtigt, weil den Hausärzten nur noch geringste Vergütungen für die Krankenbesuche gewährt werden, so dass Ärzte schon Besuche in Pflegeheimen nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt vornehmen. Jeder Normalbürger weiß, wie hoch die Arbeitsstunde eines Handwerkers zu Buche schlägt, der für eine Reparatur ins Haus kommt. Und die Anfahrtskosten werden auch berechnet. Bei Ärzten, die sich um Kranke kümmern, welche nicht mehr in der Lage sind, die Praxis aufzusuchen, sollen derartige Vergütungen nicht gelten ?

Ein erhebliches Problem in den Pflegeheimen ist die Medikamenten-Verschreibung und -Vergabe für die alten Menschen. Es wird zu viel und mitunter auch falsch verschrieben und verabreicht. Viele Medikamente haben Nebenwirkungen, und individuell wird verschieden darauf reagiert. Jüngere merken eher, wenn sie etwas nicht vertragen können, Ältere sind gegenüber ihrem Wohlbefinden nicht mehr genügend sensibilisiert.

Ärzte bei ihren Stippvisiten sind geneigt, Schmerztabletten und Beruhigungsmittel zu verschreiben, doch wer kontrolliert die Wirkung ? Bei Herz- und Kreislaufbeschwerden wird es problematisch, denn diese Erkrankungen müssen beobachtet werden. Dazu geben die gelegentlichen Kurzbesuche keine Möglichkeit. In schlechten Pflegeheimen werden mitunter Beruhigungsmittel in erhöhtem Maße verabreicht. Das grenzt schon an Mißhandlung.

Im Hinblick auf Medikamentenversorgung für die Pflegebedürftigen in den Heimen wäre nun wirklich eine regelmäßige Überprüfung notwendig. Hier hätte der Medizinische Dienst der Krankenkassen ein großes Aufgabenfeld, wenn er denn wirklich medizinisch wäre. Würde der oft übertriebene und vielfach unnütze Medikamentenverbrauch reduziert werden - und zwar in allen Pflegeheimen -, könnte sich für die Krankenkassen ein nicht unwesentliches Einsparpotential ergeben.

Die Situation im Gesundheitswesen ist verfahren; Pflegeheime sind pflegebedürftig. Es muß für sie zentrale Einrichtungen geben, die gebietsweise für alle Heime zur Verfügung stehen. Zum Beispiel ein Ärztezentrum mit Krankenschwestern und -pflegern für ambulante Einsätze in den Heimen. Nicht nur in akuten Notfällen, sondern auch zur regelmäßigen medizinischen Kontrolle und Betreuung. Das ist gerade jetzt wichtig, wo die persönlichen Hausärzte zögern, Heimbesuche zu machen.

Ebenso muß psychiatrische Betreuung gegeben sein. Auch das lässt sich gebietsweise organisieren. Notwendig ist dabei, dass nicht nur die Erkrankten von den Psychotherapeuten beraten und ggf. behandelt werden, sondern auch die Angehörigen der Pflegebedürftigen. Gerade wenn sie einen Menschen, den sie bislang selbst betreut hatten, in ein Heim bringen müssen, brauchen sie psychologischen Rat und Beistand. Und wichtig ist Kontaktnahme auch für das gestresste Pflegepersonal.
Und zwar in persönlichen Gesprächen, unabhängig von der Heimleitung oder von Vorgesetzten. Letzteres ist wertvoll auch in Interesse des Pflegeunternehmens, denn es trägt dazu bei, aufgestauten Frust abzubauen, das Betriebsklima zu fördern und die Einsatzfreude gegenüber den Pflegebedürftigen zu erhöhen. Nichts ist wichtiger als eine gute, fürsorgliche Betreuung der Heimbewohner. Das muß funktionieren !


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Die seelsorgerische Betreuung ist ein weiterer Punkt. In Heimen, die von kirchlichen Organisationen geführt werden, ist dies gewährleistet, egal ob es sich um evangelische oder katholische Institutionen handelt. Für beide Konfessionen stehen Seelsorger zur Verfügung. Leider nicht vollberuflich. Organisiert müsste es sein, wie ich es gerade für die Psychotherapeuten beschrieben habe. Und für die nicht konfessionell geführten Heime muß diese Organisation ebenfalls greifen. Hin und wieder ist der örtlich zuständige Pfarrer im Einsatz. Das ist lobenswert, kann aber nicht ausreichen. Denn für den Pfarrer ist es ein zusätzlicher Dienst zu den vielfältigen Aufgaben, die er in seiner Gemeinde zu leisten hat.

Vergessen wir nicht, dass Seelsorge genau so wenig wie Pflegebetreuung in Minuten absolviert werden kann !

Die Kirchen haben derzeit erhebliche finanzielle Probleme. Sie vollbringen vielfach Leistungen, die Sache der Staatsgemeinschaft wären. Nur zu gern überlässt die Politik den Kirchen diese Aufgaben, ohne dafür zu sorgen, dass die finanziellen Mittel zur Verfügung stehen. Es gibt ja die Kirchensteuer ? as stimmt, aber sie ist freiwillig.

Je mehr der Staat die Praxis entwickelt, die Steuerschraube für seine Bürger anzuziehen, um so mehr drücken sich Bürger vor Kirchensteuerzahlungen. Wenn der Staat - also unsere Politiker - Anlaß gibt, dass die Kirchen nicht mehr genügend Mittel zur Verfügung haben, um die Aufgaben zu finanzieren, die mit religiösen und christlichen Verpflichtungen zusammenhängen, dann muß er diese Aufgaben selbst übernehmen !

Tut er das ? Nein ! Politiker, auch in den staatlichen Behörden, sind nicht in der Lage, in irgendwie gearteter Form seelsorgerische Tätigkeiten auszuüben. Und heutzutage werden sogar die sozialen Belange vernachlässigt.

Halbherzige Reformen im Gesundheitswesen bringen keine Lösungen. Sie produzieren Erhöhungen der Sozialabgaben und potenzieren die Bürokratie. In der Praxis führen sie zu einer Verteilung der Lasten. Sollten sich diese tatsächlich in der einen oder anderen Weise positiv auswirken, dann ist der Effekt so minimal, dass er eine Erleichterung kaum zu gewähren vermag.

Was gibt es für schlimme Schicksale ! Mitte Dezember 2008 berichteten die Zeitungen von einem schrecklichen Ereignis. Ein Zeitungszusteller entdeckte in der Morgenfrühe, dass es in einem Einfamilienhaus brannte. Mit Hilfe von Nachbarn konnte eine 85-jährige gehbehinderte Frau gerade noch rechtzeitig aus dem verqualmten Haus gerettet werden. Doch für ihren 92 Jahre alten Ehemann, der bettlägerig war, kam eine Hilfe ebenso zu spät wie für den 61-jährigen Sohn, der wegen eines amputierten Beines gehbehindert war. Beide waren noch dazu taubstumm.

Was für ein Unheil ! Und es stellt sich die Frage, wie diese vom Schicksal schon so hart betroffenen Familie ihren Alltag gelebt hatte, krank und pflegebedürftig, wie sie war.

Am selben Tag erreichte mich mit der Post eine Broschüre über lebensfrohe Senioren, die ihr Alter genießen. Glückliche Ruheständler, glückliche ältere Ehepaare. Sie machen ihre Weltreisen mit dem Traumschiff, gehen Kegeln, genießen Tanzkurse, Seniorentreffs, Karnevalsvergnügungen, treiben Sport und Gymnastik und sind topfit. Wohl all denjenigen, auf die das zutrifft - sie können und sollen sich glücklich fühlen ! Aber sind sie die Mehrzahl jenseits des 70. Lebensjahres ? Leider nein. Und schnell kann alles Glück vorbei sein. Ein plötzlicher Sturz kann alles ändern: Oberschenkelhalsbruch.

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Ich erwähne dies hier, um deutlich zu machen, dass es in unserer Gesellschaft, in unserer Staatsgemeinschaft, Probleme gibt, denen wir uns in der Gesamtheit zu stellen haben. Auf die wir uns nicht nur vorbereiten müssen, sondern die jetzt schon so akut sind, dass wir sie nicht einfach ignorieren können. Es sind leider nicht die einzigen Probleme. Die gibt es im ganzen Sozialbereich. Sie werden vernachlässigt. Man doktert an ihnen herum, scheibchenweise. Lösungen sind das nicht.

Manchmal allerdings funktioniert es. Auf wundersame Weise. Ich lese von einer Organisation “Mädchenzuflucht”, eine Einrichtung mit sieben Plätzen für 13- bis 17-jährige Mädchen, die Betreuung nötig haben. Für sie gibt es eine “Hauswirtschaftsmeisterin” und acht Sozialpädagoginnen auf “sechseinhalb Stellen” für Betreuung rund um die Uhr. Die Expertinnen der Institution verhandeln die Fälle mit dem Jugendamt, führen Gespräche mit Schulen und Lehrern, organisieren Erziehungsberatung, Familien-therapie und vieles mehr.

Die Zahl der Mädchen nehme zu, welche in der Psychiatrie behandelt werden müßten, sagt eine Leiterin. Die Mädchen litten beispielsweise unter Essstörungen, verletzten sich selbst oder zeigten sich höchst aggressiv. (WK, 11. Dezember 2008).

Das sind Symptome, wie sie auch zum Alltag in Alten- und Pflegeheimen gehören. Doch diese sind längst nicht mit Personal und Finanzierung so gut ausgestattet wie in bewundernswürdiger Weise die “Mädchenzuflucht”. Ich erlaube mir, diese schützende Unterkunft und Betreuung für hilfebedürftige junge Mädchen als Basis anzusehen für alle Pflegeheime und Pflegebedürftige. Der Abstand klafft weit auseinander !

Und noch eine Meldung zum Vergleich. (WK, 11. August 2009). In Hessen gibt es eine ”Drogenentzugsstation für Kinder und Jugendliche”. Es ist schlimm, dass so etwas eingerichtet werden muß, andererseits ist Hilfe in diesen Fällen nicht nur dringend angebracht, sondern auch eine gemeinschaftliche Pflichtaufgabe.

Die Einrichtung hat seit Mitte 2008 insgesamt 147 Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren in zumeist sechswöchiger Behandlung betreut. Der gemeldete Erfolg ist anerkennenswert und beweist die Wichtigkeit dieser vorbildlich organisierten Einrichtung. Aber bitte vergleichen Sie diese Hilfeleistung mit dem System im Pflegedienst:

Das Betreuungsteam besteht aus Ärzten und Pflegern, Sozialarbeitern und Pädagogen, Psychologen, Bewegungstherapeuten, Ergotherapeuten und Erziehern. Die Station hat zehn Plätze !

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