Günter Bartoschs Bücher (aus 2013)
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- Der Pflegefall und seine Folgen -

Es gibt viele Bücher und Broschüren, Informationen von Sozialvereinen und den Krankenkassen über Pflegefälle und die Pflegeversicherung.

Angenommen Sie würden 100 € investieren in den Kauf der informativen Bücher, Sie würden aus jedem Buch etwas Nützliches erfahren können, aber eben immer nur etwas. Kaum eine Veröffentlichung sagt Ihnen, was das letztlich Wesentliche ist:

Ein Pflegefall kostet viel Geld.

Bei meinen Recherchen habe ich erstaunt und zugleich erschreckt festgestellt, es gibt in jeder Familie oder im Freundeskreis einen oder gar mehrere Pflegefälle. Weiteste Kreise unserer Gesellschaft haben dabei Belastungen zu tragen, doch nur langsam, viel zu langsam, nehmen Politik und Gesellschaft davon Kenntnis. Weitgehend fehlen Verständnis und Hilfsbereitschaft.

Pflegefälle betreffen naturgemäß die ältere Generation. Aber auch junge Menschen und die in den mittleren Jahrgängen können zu den Leidtragenden gehören durch Unfälle, Schlaganfälle, Herzinfarkte, durch Krankheiten, die durch Streß oder ungesunde Lebensweise ausgelöst werden.

Ich wiederhole: Vor Pflegefällen ist niemand sicher.

In der Regel haben wir - zumindest in unseren Breiten - eine längere Lebenszeit als noch unsere unmittelbaren Vorfahren. Diese Situation bringt Erkrankungen mit sich, die wir gerade erst zu analysieren beginnen.

Neuerdings wird zum Beispiel Diabetes als eine Volkskrankheit bezeichnet; in fortgeschrittenem Stadium führt sie zu Pflegefällen. Demenz- und Alzheimer-Erkrankungen sind weitere Belastungen einer älter werdenden Gesellschaft, ganz abgesehen von den schweren Folgen, die Schlaganfälle und Herzinfarkte mit sich bringen.

Mein Onkel, hoher Beamter bei der Deutschen Reichspost, hatte mir gepredigt: “Junge, du kannst von diesem Staat vieles haben. Aber du musst immer einen Antrag stellen.”

Ich hatte seinen Ratschlag beherzigt, doch inzwischen gemerkt, dass es heutzutage mit einem Antrag allein nicht mehr getan ist. Aus den Erfahrungen meiner weit verzweigten Familie und aus dem, was meine Recherchen ergaben, erweist sich, dass für ein Ergebnis, das einigermaßen als gerecht empfunden und akzeptiert werden konnte, über den Antrag hinaus viele Kämpfe zu führen waren.

In den meisten Fällen sind Ehepartner oder Kinder diejenigen, die erkrankte Ältere betreuen und versorgen. Sie sind ebenfalls Leidtragende, doch anders als der Erkrankte. Sie sind sowohl wirtschaftlich, als auch zeitlich belastet. Die Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen bringt eine völlige Umgestaltung der Lebensplanung mit sich. Am schwerwiegendsten wirkt sich a"uf Dauer" die finanzielle Belastung aus.

Was ist "auf Dauer" ?

Ich will Sie nicht erschrecken, liebe Leserin, lieber Leser, und deshalb dieses Thema behutsam angehen. Wenn der Pflegefall nicht durch ein plötzliches Ereignis eintritt - Schlaganfall, Herzinfarkt, Unfall, Folgen einer Operation o.ä.-, dann entwickelt er sich nach und nach, sehr langsam. Stellen Sie sich eine Treppe vor, eine lange, von der Sie nicht wissen, wo sie endet.

Die Erkrankung entfaltet sich stufenweise, und Sie als Betreuender müssen mit, von Stufe zu Stufe. Das bringt zwar einen gewissen Gewöhnungs- oder genauer Anpassungseffekt mit, aber es wird immer schwerer und schwieriger. Man sollte sich nichts vormachen: Ein Pflegefall ist nicht heilbar. Im besten Fall kann er stagnieren, doch das ist leider nur selten der Fall. Immer verlangt es den engagierten Einsatz der betreuenden Person. Und immer, von Stufe zu Stufe, wird diese mehr gefordert.

Es gibt keine Norm für Pflegefälle, jede Situation ist individuell geartet. Stirbt der Erkrankte, dann ist es für diesen in vielen Fällen die Erlösung von einem Leiden. Mitunter ist der geistige Zustand aber schon vorher so angegriffen, dass der Erkrankte seine individuelle Existenz gar nicht mehr wahrnimmt.

Für den Betreuer ist das Ableben des Gepflegten naturgemäß die Befreiung von einer Bürde, doch der Tod ist zwar eine Entlastung, aber kein Trost.

Hat man eine geliebte Person lange betreut, dann endet ganz plötzlich eine Lebensaufgabe. Es tritt der Zustand einer Leere ein, und der Zurückgebliebene - besonders wenn es sich um den Ehepartner handelt - muß sich in einen neuen Lebensabschnitt eingewöhnen. Am Beispiel der Treppe bedeutet das, sie wieder hinabzusteigen, wahrscheinlich ganz langsam Schritt für Schritt, und, unten angekommen, vor der Frage zu stehen, in welche Richtung man nun gehen wolle.

Doch zur Dauer des Aufwärtsgehens beim Begleiten des Erkrankten: Es kann eine lange Zeit sein. Im Pflegeheim, in dem meine Frau zuletzt untergebracht war, liegt ein Buch aus, in dem zur Andacht die aktuell Verstorbenen genannt werden.

Beim Nachschlagen entdeckte ich kürzlich fünf Todesfälle von Heimbewohnern, alle im Alter von 92 - 94 Jahren. Und hier zeigt sich etwas, das einen fürsorglich Betreuenden durchaus erschrecken könnte: Ein Pflegefall kann 15, 20 Jahre oder gar noch länger andauern.

In meinem Bekanntenkreis gibt es eine treusorgenden Tochter, die ihre Mutter zu Hause bei sich schon 8 Jahre lang betreut, eine andere Bekannte hatte daheim ihren inzwischen verstorbenen Mann 6 Jahre lang gepflegt. Diese Leistungen gehen an den Betreuenden nicht spurlos vorüber. Hier sind zum Beispiel beide Frauen körperlich und nervlich angeschlagen, und es stellen sich eigene Erkrankungen heraus, die bisher nur schwelten.

Und wie ist das, wenn die erkrankte Person in einem Pflegeheim untergebracht
ist ?

Wer es ehrlich meint, mit seiner Fürsorge, wird den Pflegefall so lange wie möglich in seinem gewohnten privaten Umfeld belassen, dort, wo man zu Hause ist.

Wenn ein Erkrankter nicht ins Pflegeheim “abgeschoben” wird, sondern in ein Heim umsiedeln muß, weil die häusliche Pflege - auch im medizinischen Sinne - nicht mehr gewährleistet werden kann, so bleibt im menschlichen Normalfall die Sorge um den Angehörigen bestehen. Ebenso die Notwendigkeit der persönlichen Zuwendung, da diese den Umständen nach in einem Pflegeheim kaum zu leisten ist. Sorgen um das Wohlergehen des Angehörigen ergeben sich auch mit der Frage, ob er denn gut untergebracht sei und fürsorglich behandelt werde, ob er Zuspruch erhalte, wenn ein solcher notwendig sei.

Hier ist ein Hinweis angebracht, den ich für sehr wichtig halte:

Ist eine häusliche Pflege nicht mehr möglich, sagt das dem Erkrankten am besten eine außen-stehende Person, zum Beispiel der Hausarzt. Äußert ein Angehöriger das Problem einer Heimunterbringung, denkt der Pflegebedürftige, er werde nicht mehr geachtet und nur noch als Belastung empfunden.

Die Suche nach einem zuverlässigen Heim ist ein Problem für sich. Immer wieder geraten Pflegeheime in Kritik. Über die mitunter schlechten Zustände in Pflegeheimen gibt es inzwischen öffentliche Auseinandersetzungen, und leider werden sie anhalten müssen. Das soll hier nicht das Thema des Buches sein, sondern es soll ein anderer Aspekt ins Blickfeld genommen werden.

Ich erwähnte es anfangs: Ein Pflegefall kostet Geld, viel Geld.

Doch zur Dauer des Aufwärtsgehens beim Begleiten des Erkrankten:
Es kann eine lange Zeit sein. Im Pflegeheim, in dem meine Frau zuletzt untergebracht war, liegt ein Buch aus, in dem zur Andacht die aktuell Verstorbenen genannt werden. Beim Nachschlagen entdeckte ich kürzlich fünf Todesfälle von Heimbewohnern, alle im Alter von 92 - 94 Jahren. Und hier zeigt sich etwas, das einen fürsorglich Betreuenden durchaus erschrecken könnte: Ein Pflegefall kann 15, 20 Jahre oder gar noch länger andauern.

In meinem Bekanntenkreis gibt es eine treusorgenden Tochter, die ihre Mutter zu Hause bei sich schon 8 Jahre lang betreut, eine andere Bekannte hatte daheim ihren inzwischen verstorbenen Mann 6 Jahre lang gepflegt. Diese Leistungen gehen an den Betreuenden nicht spurlos vorüber. Hier sind zum Beispiel beide Frauen körperlich und nervlich angeschlagen, und es stellen sich eigene Erkrankungen heraus, die bisher nur schwelten.

Und wie ist das, wenn die erkrankte Person in einem Pflegeheim untergebracht ist ? Wer es ehrlich meint, mit seiner Fürsorge, wird den Pflegefall so lange wie möglich in seinem gewohnten privaten Umfeld belassen, dort, wo man zu Hause ist.

Wenn ein Erkrankter nicht ins Pflegeheim “abgeschoben” wird, sondern in ein Heim umsiedeln muß, weil die häusliche Pflege - auch im medizinischen Sinne - nicht mehr gewährleistet werden kann, so bleibt im menschlichen Normalfall die Sorge um den Angehörigen bestehen. Ebenso die Notwendigkeit der persönlichen Zuwendung, da diese den Umständen nach in einem Pflegeheim kaum zu leisten ist. Sorgen um das Wohlergehen des Angehörigen ergeben sich auch mit der Frage, ob er denn gut untergebracht sei und fürsorglich behandelt werde, ob er Zuspruch erhalte, wenn ein solcher notwendig sei.

Hier ist ein Hinweis angebracht, den ich für sehr wichtig halte.

Ist eine häusliche Pflege nicht mehr möglich, sagt das dem Erkrankten am besten eine außen-stehende Person, zum Beispiel der Hausarzt. Äußert ein Angehöriger das Problem einer Heimunterbringung, denkt der Pflegebedürftige, er werde nicht mehr geachtet und nur noch als Belastung empfunden.

Die Suche nach einem zuverlässigen Heim ist ein Problem für sich. Immer wieder geraten Pflegeheime in Kritik. Über die mitunter schlechten Zustände in Pflegeheimen gibt es inzwischen öffentliche Auseinandersetzungen, und leider werden sie anhalten müssen. Das soll hier nicht das Thema des Buches sein, sondern es soll ein anderer Aspekt ins Blickfeld genommen werden.

Ich erwähnte es anfangs: Ein Pflegefall kostet Geld, viel Geld.

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