Günter Bartoschs Bücher (aus 2013)
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Das ist Teil 2 der ausgelagerten Ereignisse

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Pfingst-Samstag 14. Mai - Langeweile breitet sich aus

So betrüblich wie es für den Patienten ist, so erfreulich ist es für den den Fortschritt beobachtenden Besucher. Der Patient nimmt seine Lage und sein Umfeld inzwischen glockenklar wahr. So registriert er ganz genau, daß ich Mittags schon mal da war, die T-Shirts gebracht hatte und am Abend dann die Mengen von Kirschsaft- und Traubensaft-flaschen. Auch hatte er registriert, daß wir vor zwei Tagen schon mal keine Verbindung zum Telefon seiner Ehefrau im Pflegeheim bekommen hatten.

Aber viel wichtiger ist, das gezielte Bewegen des linken von Spastik betroffenen Arms und der verkrampften Hand funktioniert ganz langsam. Und er bekommt mit, daß der (sein) Arm wirklich so langsam seinen vom Kopf gesteuerten Befehlen gehorcht. Der Bewegungsbereich ist jetzt fast 35cm weit. Und heute hat er ganz deutlich sichtbar das linke Bein - also das Knie - mit etwas Mühe ganz langsam über 15cm an den Oberkörper herangezogen und dann auch wieder ausgestreckt. Also das linke Bein fängt an, auch wieder dem Gehirn zu gehorchen, was für ein Fortschritt.
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Pfingst-Sonntag und Montag

Wenn Besuch kommt, steigt die Laune. Am Sonntag war Schlaftag, der Patient fühlte sich im Bett wohl und wollte nicht raus. Insgesamt war ich drei mal da, sein Bruder war auch da und eine Freundin mit Kuchen spät um 19.00 Uhr überredete ihn zm späten Naschen, denn eigentlich waren die Zähne schon geputzt.

Am Sonntag mußte er nicht überredet werden, in den Rollstuhl gehoben/geschoben zu werden. Es war nämlich noch kein Besuch aufgekreuzt und so lockte die Eistruhe im Erdgeschoß - diesmal mit Pistazieneis - samt flotter Spazierfahrt (nur im Haus), die Langeweile etwas zu verkürzen.

Seit etwa 8 Tagen realisiert der Patient die Länge der langweiligen Nacht und das langweilige Nichtstun tagsüber mit wachsender "Anteilnahme". Auch das ist erfreulich, denn damit ist der geistige Dämmerzustand endgültig vorbei. Weiterhin spüre ich mehr und mehr an Eigeninitiative bei der autodidaktischen Bewegungsübung mit der mit Wasser gefüllten (kleinen) Colaflasche. Auch fängt er an, sich selbst die Finger der linken verkrampften Hand zu massieren und aufzubiegen und die dortige Bewegung zu forcieren. Bei der Frage : Cola oder Kirschsaft kommt immer öfter Kirschsaft an erster Stelle.
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Dienstag Mittwoch

Die ersten Versuche, während der Physiotherapie selbstständig etwas länger hängend auf den eigenen zwei Beinen zu stehen, waren erfolgreich. Und auch das Pfirsich-Eis und der Fruchtjoghurt schmecken immer besser. Die linke ehemals gelähmte Hand läßt sich erheblich besser bewegen und inzwischen sogar drehen. Auch klingen die Schwellungen an dieser Hand langsam ab. Gestern am Dienstag hatte der Stationsarzt die erneute Verlängerung der Reha beantragt, weil die Fortschritte so deutlich sichtbar sind. Inzwischen öffne ich dem Patienten die Cola- und Kirschsaftflaschen nicht mehr, er möge es selbst tun und es klappt meistens. Auch die Erinnerungen an alte Geschichten, Zusagen und Versprechungen kommen alle wieder.
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Donnerstag 19. Mai - zuerst leichte Depressionen

Wie ich heute erst erfahren habe, war gestern die vermeintliche "Freundin" der Ehefrau beim Patienten und hatte irgendwelche Äußerungen von sich gegeben, die danach zu einer leichten Traurigkeit bzw. Depression geführt hatten. Dem wird in der Station jetzt Einhalt geboten. Die muntere und spaßige Friseurin heute sowie der mittägliche Ausflug - diesmal mit Waldmeister- und Pfirsich-Eis versüßt, heiterten die Laune wieder auf und ein langes Gespräch über die Zukunft ließen den Besuch von gestern wieder vergessen.

Die physiotherapeutische Übung mit dem Geh-Apparat, wie immer das kranähnliche Teil wirklich heißt, zeigen weitere Erfolge. Dann waren am Nachmitag zwei Freunde mit "Selbsgekochtem" da und das war der Katalysator für weitere Glückshormone. Um 19.30 stand ein Vollbad auf dem Programm samt Haarewaschen, die ja bereits geschnitten waren und bei meinem dritten Besuch nach 20.30 lag ein gebadeter strahlender Jungbrunnen im Bett.
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Freitag - Zukunftsplanung - der Kopf ist erstaunlich klar

Nach der vom Stationsarzt wie auch von mir als Betreuer angeregten 3. dreiwöchigen Verlängerung der Reha aufgrund solch erfreulicher Fortschritte gab es ein längeres motivierendes Gespräch mit der gerichtlich bestellten Vermögensverwalterin über die Zukunft nach der Reha, die die Zustimmung des Patienten fand.

Zum Mittagessen gab es richtigen Kalbsbraten mit Meerrettichsoße und Salzkartoffeln und jetzt war die Welt wieder in Ordnung. Und nach dem Fruchtjoghurt und dem Schoko-Eis in der Cafeteria war der ganze Nachmittag gerettet.
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Samstag 21. Mai - "Keim-Gefahr" im Zimmer

Wie der Zufall so spielt, beim Zimmernachbarn haben Sie einen Keim festgestellt und jetzt muß jeder, auch die Pfleger, der in das Zimmer rein möchte, die Gruselkabinett- Verkleidung samt Mundschutz anziehen. Für mich war das in meinem Leben das erste Mal. Es ist mühsam. Der Patient war aber sehr glücklich, daß an diesem Samstag überhaupt jemand kam. Es ist schon stink langweilig den ganzen Tag. Das ersteigerte Kofferradio ist heute gekommen und zwecks Reinigung draußen in der brühwarmen Seifenlauge gelandet. Nur muß das jetzt etwas warten, bis es Nachts Musik machen darf.
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Sonntag 22. Mai "Keim-Gefahr" und 24 Grad im Schatten

Heute war der Umzug vom Doppelzimmer (ab und zu mit arabischen Gesängen) in ein stilles Einzelzimmer mit Bad und Klo. Besucher dürfen nur mit Schutzkleidung rein - voraussichtlich nur bis Montag - und Essen gibts auch nur getrennt von den anderen. Und das Verlassen der Station ist auch nicht gestattet. Also mal sehen. Am Montag gibts hoffentlich ein Kofferradio mit Musik.

Montag und Dienstag - Kurzbesuch mit steriler "Verkleidung"

Das Grundig Concertboy Kofferadio funktioniert super - sogar mit Stom aus der Steckdose - und der Patient hatte endlich etwas zum länger andauernden nächtlichen Spielen. Meine Besuche mit dieser keimschützenden Verkleidung sind (für mich) mühsam wegen der Atemnot durch den Mundschutz und damit erheblich kürzer. Das Zimmer darf der Patient auch nicht verlassen. Also gibts auch kein Eis zum Nachtisch und schon gar keine Rollstuhl-Ausfahrt nach unten in die Cafeteria. Es gab auch einen Temepratursturz von 24 auf 10 Grad und am Dienstag Dauerregen ohne Ende. Aber Fruchtjoghurt darf ich immer mitbringen.
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Mittwoch - die Welt ist fast wieder in Ordnung

Also es gibt keinen Keim mehr und der Patient darf wieder im Rollstuhl in den Frühstücksraum. Heute gab es "Falscher  Hase" mit wirklich gut riechender deftiger Souße und Nudeln, ein wirklich leckeres Gericht. Das wurde in Windeseile weggeputzt mit der Perspektive auf zwei Bällchen Waldmeister Eis. Übrigens hilft der Patient mit der gesunden Hand beim Umstieg vom Bett in den Rollstuhl bereits etwas mit, endlich. Die zwei Bällchen Eis werden inzwischen in einer schweren Glasschale serviert und die muß man nicht festhalten, sodaß das Eisessen wirklich motivierend Spaß macht und zudem sehr lecker ist.

Donnerstag 26.5. - Feiertag - Festtag

Eine Freundin hat gut gewürztes Chilli a con carne gekocht und mitgebracht (und in der Mikrowelle der Station wieder heiß gemacht), das war ein leckerer Schmaus nach dem Geschmack des Patienten. Danach gabs auf der Cafe Terrasse in der Nachmittagssonne jeweils große Bälle Waldmeister- und Vanille-Eis und endlich war die Welt wieder in Ordnung. Als dann noch zwei große Scheiben Schwarzbrot mit leckerer Wurst samt Käse im Bauch waren, wurde das alles mit gutem Appetit und einem Becher grünem Schwabbelpudding zugedeckt. Und erstaunlich, es paßte dann immer noch ein Apfelkompott hinterher. Die linke Hand kann er erstaunlich weit in beide Richtungen verdrehen, die Finger gehen so langsam - auch auf und zu - zu bewegen und das linke Bein gehorcht ganz langsam den Befehlen aus dem Kopf. Wenn also das kein Fortschritt ist.

Freitag und Samstag - ein Hitze-Unwetter über Wiesbaden

Das "große Fressen" am Donnerstag hatte keine der vermuteten Auswirkungen auf den noch zu schonenden Magen, es war schon recht viel auf einmal. - Am Freitag Mittag war die Stimmung nicht zum Eisessen angesagt. Und eigentlich wollte ich am Freitag Abend nochmals einen Besuch machen, doch da hatten wir ein richtig deftiges Unwetter - so richtig mit minutenlangem Hagel - fast nur über Wiesbaden Mitte und über unserem Vorort Bierstadt. Selbst am Samstag war bis Mittags noch Aufräumen angesagt. - Für Montag Nachmittag ist ein erster Besuch des Ehemanns bei der Ehefrau im Seniorenstift mit einem Fahrdienst vorbereitet und arrangiert. Und die 14 neuen bunten T-Shirts haben am Nachmittag auch ein sehr freudiges Lächeln hervorgerufen. Gewaschen sind die auch schon.
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Sonntag 29.5.2016

Am Sontag gab es die mentale Vorbereitung für den Besuch der Ehefrau im Pflegeheim sowie Eisessen nach dem Mittagessen.

Am Montag soll es um 14.30 mit dem Fahrdienst erstmalig seit 12 Wochen etwa 3 Kilometer weiter ins Seniorenheim gehen und nach ca. 1 Stunde wieder zurück. Die Vorfreude ist gewaltig, es ist wie die Planung zum D-day. Denn zurückblickend hatte ja der Ehemann vor 4 Wochen erst - zum ersten Male - mit seiner Frau telefoniert.
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Montag, der 30.5.2016 - der D-day Tag oder der Tag X

Kennen Sie das noch : Fred Bertelmann (oder Eddie Constantine) sangen einmal -- "Schenk Deiner Frau doch hin und wieder rote Rosen". Also bin ich in eine Groß- gärtnerei gefahren und habe 20 lange wunderschöne dunkelrote Rosen bestellt, zu einem beeindruckenden schönen Strauß gebunden.

Dann sind wir vom Fahrdienst um 14.20 abgeholt worden. Zuvor muß ich noch anfügen, daß ich am Sonntag eine E-mail an die Heimleitung zur Vor-Information der Ehefrau gesendet hatte, da diese seit Tagen nicht mehr ans Telefon ging. Ganz besonders hatte ich darauf Wert gelegt und auch deutlich darauf hingewiesen, daß beide Eheleute ungestört unter 4 Augen miteinander reden wollen und sollen.

Und genau das Gegenteil ist eingetreten, als wenn ich es nicht geahnt hätte, sie waren alle da, der Heimleiter, die Sozialtante, eine Verwaltungsdame zum Rundang durchs Haus und die (mir nicht besonders sympatische) Freundin der Ehefrau sowie auch noch deren Anwalt. Zum Glück ist der Ehemann bereits völlig klar im Kopf und hat diese "Verkaufsveranstaltung" gut gemeistert. Aus meiner Sicht wurde die ganze Vorbereitung trefflich kontakariert. Dennoch, für den Ehemann war es wieder ein Stück wiedergewonnene Freiheit bzw. Lebensfreude.

Was im Einzelnen dort besprochen oder angesprochen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich war die 45 Minuten mit dem freundlichen Fahrer in der Cafeteria. Jedenfalls war das mein letzter Versuch, dort eine Privatsphäre für meinen Patienten zu erreichen. Vielleicht muß man bei allen guten Vorsätzen doch immer das Schlimmste annehmen, so meine Erfahrung.
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Dienstag

Der Ehemann ist scheinbar (bzw. nach Außen hin) gut gelaunt mit leichten Rückenschmerzen. Sein Vollkornbrot (Abendbrot) mit leckerer Geflügelleberwurst durfte ich essen. Ich konnte nicht mit ansehen, wie dieses Brot hätte entsorgt werden müssen. Er mag nämlich keinen Spinat und keine Leberwurst.

Mittwoch - Donnerstag - Freitag - beinahe Daueregen

Die Motorik sowohl der gesunden rechten Hand wie auch der behinderten linken Hand wird jeden Tag besser. Auch das Schieben und Ziehen des Rollstuhls mit dem rechten Bein habe ich einfach mal "forciert" und es funktioniert schon ein paar Meter. Natürlich ist dort in den Bein-Muskeln noch keine Kraft drinnen, aber der Patient macht mit und akzeptiert (mühsam ?) meine Drängelei, selbst - also von sich aus - etwas zu tun.
Auch die Laune scheint so leidlich ok zu sein, mir jedenfalls fällt fast nichts auf. Wir hatten auch in Wiesbaden tagelang Dauerregen mit ganz trübem Wetter und fast nur dunklen Wolken. Ich konnte darum mit dem Fahrrad nicht zu jeder Zeit mal schnell in die Klink fahren, es war einfach zu naß. Dazu sind jede Menge Hemden, Hosen und T-Shirts frisch gewaschen und lockern die Stimmung auf.
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Samstag, der 4. Juni - Ab heute mal kein Regen mehr

Das Wetter hellt sich so langsam auf, und aus dem Fenster sind freundliche dicke weiße Wolken zu sehen. Das Mittagessen war nicht so sein Fall, trotz Salzkartoffeln und Braten mit Souße.

Heute erst fragen mich die betreuende Stationsschwester zusammen mit der Pflegekraft, was denn am vergangenen Montag gewesen sei - beim Ausflug bzw. Besuch bei der Ehefrau. Also heute erst informieren sie mich, daß der Patient am Montag Abend und auch noch am Dienstag (ich kam wegen des Regens da erst Abends) sehr deprimiert war (und vermutlich auch erst, als ich weg war).

Diese Eindrücke vom Montag Nachmittag scheinen aber heute - am Samstag - weitgehend verarbeitet zu sein. Obwohl nur 2 Bällchen Eis bestellt waren, gabs heute vom Chef des Cafes ein drittes Bällchen als Zugabe für "Dauerkunden" und alle 3 Bällchen wurden "weggeputzt". Die Krankenhaus-Langeweile wird seit einger Zeit durch den Fernseher im Zimmer kompensiert und der läuft jetzt fast rund um die Uhr.
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