Günter Bartoschs Bücher (aus 2013)
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- Heimalltag -

Ich komme zurück auf die Pflegesituation. Da ich Ihnen in diesem Buch auch eigene Erfahrungen beispielhaft mitteilen möchte, will ich eine Episode erzählen, die zum Thema “Persönliche Zuwendung” gehört. Manchmal sind es nämlich Kleinigkeiten, die einem pflegebedürftigen Menschen ein Selbstwertgefühl geben können.

Die Betreuerinnen und Betreuer im Pflegeheim waren für meine Frau und mich natürlich schlicht Schwester Ingrid, Schwester Viktoria, Schwester Josefa, Schwester Jeanette und, kurz und knapp, der Marco. Das gehörte mit zur Atmosphäre im Heim.

Meine Frau hatte das Gefühl, es sei im Rahmen der Betreuung nicht angebracht, sich mit dem Familiennamen anreden zu lassen. “Man kann mich ruhig beim Vornamen nennen, wie es bei einigen anderen auch geschieht”, sagte sie mir, und ich unterrichtete das Personal im Wohnbereich entsprechend.

Nun wurde sie - wie es aus ihren Papieren hervorging - mit Ingeborg angeredet. Im ganzen Familien- und Alltagsleben war das buchstäblich nur verkürzt geschehen: Inge. Die Anrede Ingeborg gefiel meiner Frau. Sie sah darin eine Art Wertschätzung.

Es wurde noch bemerkenswerter. Man bat mich, doch möglichst alle ihre Kleider ins Heim zu bringen, da öfter gewechselt werden müsse und Kleidungsstücke längere Zeit in der Wäsche oder in der Reinigung seien.

Also kam ich dem Ersuchen nach, und nun hing ihr Kleiderschrank im Heim voll. Bei der Auswahl am Morgen, welches Kleid angezogen werden sollte, bemerkten die Schwestern immer mal wieder: “Ingeborg, Sie haben aber hübsche Kleider !”

Es erfüllte meine Frau mit Stolz, und mich packte eine gewisse Reue, weil ich meine Frau im Laufe der Ehe viel zu selten in dieser Beziehung gelobt hatte. So brachte der Heimaufenthalt für meine Frau noch eine Anerkennung, die ihr gut tat und sie erfreute. -

Ich will mit der Schilderung dieser kleinen Geschichte deutlich machen, dass allein schon ein paar anerkennende Worte von großem Wert sein können, zumal wenn sie spontan und feinfühlig geäußert werden. Aber dazu muß das Pflegepersonal selbst ausgeglichen und emotional sein (können !)

Immer wieder gibt es Kritik an Zuständen in schlechten Pflegeheimen. Das ist wichtig, um Mißstände aufzuzeigen sowie Öffentlichkeit und Politik zu sensibilisieren, dass mitunter abgezockt und totgepflegt wird. Es wird im Zuge dessen unter anderem immer wieder kritisiert, dass die Pflegebedürftigen beim Essen nicht genügend betreut werden und dass zu wenig auf die nötige Flüssigkeitsaufnahme geachtet wird.

Nun, das darf kein Pauschalurteil sein. Durch meine Besuche im Pflegeheim weiß ich, dass absolut relativiert werden muß. Beides - Essen und Trinken - verursacht für das Pflegepersonal erhebliche Schwierigkeiten.

Appetitlosigkeit kann ein besonderes Merkmal seelischer Erkrankungen sein. Standardsatz meiner Frau war: “Ich will nichts essen.” Das hatte mir bei der häuslichen Pflege erhebliche Probleme bereitet. Die Pflegerinnen im Heim sagten mir aber, dass sie in dieser Hinsicht mit meiner Frau keine Probleme hätten. In anderen Fällen, zum Beispiel bei Demenzkranken, mußte gefüttert werden. Mühselig, wie bei einem kleinen Kind: “Jetzt ein Löffel für die Mutti, einer für den Vati, einer für die Oma, einer für den Opa.”

Eine schwierige Prozedur, die natürlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Nicht immer ging alles glatt, mitunter wurde ausgespuckt. Das sind pflegerelevante Bemühungen - diese gleich bei mehreren Personen, und bei Frühstück, Mittagessen, Abendbrot. Kaum jemand der Kritikführenden kann die Belastung ermessen, die hier dem Pflegepersonal abverlangt wird. Und im Falle der Flüssigkeitsaufnahme ist es noch problematischer.

Man müsste pro Tag zwei Liter Flüssigkeit zu sich nehmen, heißt es - mindestens. Mit dieser Menge haben sogar gesunde Menschen ihre Schwierigkeiten. Schaffe ich das ? Trotz eines gesunden Durstgefühls habe ich dabei meine Mühe. Fast ist es so, dass ich das Quantum nur erreiche, wenn ich Flüssigkeit zu mir nehme wie ein Medikament.


Und wie ist das bei einem Pflegebedürftigen ?
Schon zu normalen Lebzeiten sagte meine Frau: “Ich kann nicht so viel trinken.” Selbst bei Medikamenten, die mit Flüssigkeit eingenommen werden mussten, tat sie nur einen kleinen Schluck.

Ich halte es für notwendig, auch auf ein Thema einzugehen, das in den Beurteilungen von Pflegeheimen immer wieder auftaucht und zu Kritik führt. Es wird oft als “Freiheitsberaubung” dargestellt, was der Sache nicht gerecht wird. Denn es handelt sich um ein großes Problem. Es gibt mehr Schwierigkeiten in den Heimen, als gemeinhin vorstellbar ist. Und immer bedeutet es Belastung für das Pflegepersonal. Vielfach sind auch die Organisationen und die Heimleitungen nicht in der Lage, Verpflichtungen nachzukommen. Unwägbarkeiten, Komplikationen, unvorhersehbare Ereignisse machen Sicherheitsmaßnahmen mitunter unmöglich.

Beispiel: Der Fall Hermine

Ich will mit einem selbst erlebten Fall schildern, was passieren kann. Im Wohnbereich meiner Frau gab es die Hermine - sie wollte nicht anders genannt werden. Hermine war demenzkrank, litt an Denkfähigkeit, war ansonsten aber recht ansprechbar. Sie saß im Rollstuhl und war - mit Genehmigung ! - angeschnallt wie ein Kind auf dem Autositz, um sich nicht selbst Schaden zuzufügen.

Hermine bewegte sich sehr geschickt mit ihrem Rollstuhl. Ich verglich ihre Vorwärtsbewegung immer mit der einer Schildkröte, die auch langsam vorankommt und dennoch erhebliche Strecken zurücklegen kann. Hermine zog es ständig zur Ausgangstür am Ende des Ganges. Dort war eine Glastür, die sie aus ihrem Rollstuhl nicht öffnen konnte. Immer wieder griffen die Pflegerinnen und Pfleger Hermine auf, drehten sie um und schärften ihr ein, zu ihrem Zimmer zu fahren. Das tat Hermine zwar, doch nach geraumer Zeit war sie wieder vor der Tür.

Da passierte etwas, was nun wirklich nicht vorhersehbar war. Es kamen Besucher über das Treppenhaus und betraten durch die Glastür den Wohnbereich. Sie sahen Hermine im Rollstuhl vor der Tür sitzen. Wahrscheinlich waren sie der Meinung, die Behinderte wollte zur anderen Seite des Treppenabsatzes, wo sich ein weiterer Flur mit Zimmern des Wohnbereichs befand. Sie ließen Hermine höflich passieren, indem sie ihr die Tür aufhielten und verschwanden dann in einem Zimmer, um ihren Besuch zu machen.

Ich wollte gerade auf die Terrasse gehen, auf der sich meine Frau befand, da bemerkte ich Hermine, wie sie mit aller Ruhe vom Treppenabsatz auf die Treppe zusteuerte. Gerade konnte ich sie noch abfangen und ihren Sturz verhindern. Ich schob sie zurück in ihren Wohnbereich und ermahnte sie, bei ihrem Zimmer zu bleiben und sich nicht im Treppenhaus in Gefahr zu bringen. Sie verstand meine Mahnung durchaus, doch ich fragte mich, wie lange das wohl anhalten werde.

Also es war eine hochgefährliche Situation. Hermine wäre mitsamt ihrem Rollstuhl die Treppe hinabgestürzt, hätte sich verletzen oder gar das Genick brechen können. Eine hochnotpeinliche Untersuchung wäre erfolgt. Wem hätte man die Schuld gegeben ?

Etwa dem Pflegepersonal, das seiner Pflicht nachkam und die bettlägerig Pflegebedürftigen in ihren Zimmern versorgte ? Das wäre nicht nur falsch und unredlich, sondern auch ungerecht gewesen. Niemand konnte voraussehen, dass Besucher kämen und sich gedankenlos verhalten würden.
Wenn jemand schuld gewesen wäre, dann diese Besucher. Was aber konnten die wissen von der Unzurechnungsfähigkeit der Hermine ? Einen ständigen Bewacher Hermines konnte es nicht geben, auch nicht einen Pförtner in jedem Wohnbereich. Außerdem war es ja auch keine geschlossene Station gewesen. Dann hieße es gleich wieder “Freiheitsberaubung”.

Von Fall zu Fall handelt es sich um erhebliche Probleme, die kaum zu lösen sind. Natürlich ist es wichtig, dass in der Alten- und Behindertenhilfe die Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der Bewohne-rinnen und Bewohner gewahrt werden muß. Doch was ist, wenn sie dieses “Selbst” nicht mehr zu leisten imstande sind ?
 

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