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17./21.April 1982
100 Jahre Lessing Gymnasium

Texte, Schreibmaschinenseiten und Bilder aufgearbeitet von Gert Redlich im Dezember 2015
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Schüler einer "GROSSEN " Zeit (Günter Bartosch - 1982)

Wie war das eigentlich damals? Es ist schon so lange her. Plötzlich sieht man sich mit den Dingen der Vergangenheit konfrontiert - weil die Schule, die man besucht hat, hundertjähriges Jubiläum feiert. "Könnten Sie nicht ein paar Erinnerungen an Ihre Schulzeit zu Papier bringen, ein paar Streiflichter aus jenen lagen"? war die Anfrage der Lehrerin von damals.

"Sie sind, glaube ich, Abitur-Jahr gang 1947. Das war wirklich keine leichte Zeit. Es ist eben doch so, daß schwere Zeiten erfinderisch machen - heute ist vielen Schülern alles so entsetzlich wurscht".

Die Zeit ist also gekommen, es aufzuschreiben. In einem Lebenslauf über Jahrzehnte hinweg zwischen Beruf und Familie blieb kaum Muße, darüber nachzudenken. Jetzt, nachdem die Schwelle des 50. Lebensjahres überschritten ist und die Zeit im Sauseschritt dahineilt, drängt sich die Erinnerung dazwischen.

Augenzeugen und Spielfiguren

Plötzlich wird einem bewußt, daß man Augenzeuge, ja Spielfigur einer großen Zeit war. "Groß" war sie nicht im Sinne von heroisch, "groß" war sie im geschichtlichen Sinne. Sie war groß an Ereignissen, groß an Schlägen, die das Schicksal austeilte. An jeden einzelnen, und niemand konnte sich ausschließen. Als das "Tausendjährige Reich" vorüber war, besah ich mich im Spiegel und dankte Gott, daß an mir alles heil war. Bezeichnenderweise begeisterten wir uns damals an einem Theaterstück mit dem Titel "Wir sind noch einmal davongekommen".

Wir hatten das frisch aus Amerika nach Berlin gelangte Stück von Thornton Wilder gemeinsam als Klassengemeinschaft besucht. So etwas gehörte damals zum Unterricht. Wir hatten es dazu gemacht. Genauer gesagt, wir glaubten, es dazu gemacht zu haben. Es war ein Schachzug unserer großartigen und verehrten Klassenlehrerin, der Oberstudienrätin Frieda Hoffmann. Sie besaß die unglaubliche Gabe, uns Entscheidungen treffen zu lassen, die sie inspiriert hatte.

So besuchten wir Museen, Theateraufführungen, Filmvorführungen, "g l a u b t e n" immer, es sei unser eigener Entschluß und Wille, diesen Unterricht außerhalb der Schule abzuhalten, und begeisterten uns so daran, daß wir darüber deutsche oder englische Aufsätze schrieben, ohne zu murren.

Heute beinahe unbegreiflich

Nun gut: Die Zeit war anders. Heutigen Schülern mag es unbegreiflich erscheinen, aber wir gingen gern zur Schule.

Allerdings erst nach dem Kriege. Da fanden wir plötzlich die Schleusen des Wissens geöffnet, die das nationalsozialistische Regime uns verschlossen hatte. Seit 1933 war Deutschland mehr und mehr von der Welt abgekapselt worden, deutsche Wissenschaftler, deutsche Schriftsteller, deutsche Geistes schöpfer, deutsche Künstler wurden verleugnet, weil sie Juden oder Kommunisten oder "unerwünscht" waren; es gab für uns weder Einstein mit seiner Relativitätstheorie, noch Heinrich Heine, noch Max Liebermann, noch einen gewissen Konrad Adenauer, der bis 1933 Oberbürgermeister von Köln und Präsident des preußischen Staatsrats gewesen war.

Ab 1939, mit Beginn des Krieges, gab es für uns auch nicht mehr England, Amerika, Frankreich, Rußland - die ganze Welt gab es nicht mehr, denn die war ja bis auf Italien und Japan Deutschlands Feind. Nie war eine Generation von Schülern so isoliert und abgeschlossen wie wir, nie war die Schule in Deutschland in ihrer Wissensvermittlung so belastet wie in der Zeit des Nationalsozialismus.

Die Mackensen-Schule

Ich persönlich ging von Anfang an gern zur Schule, seit ich 1935 in die 54. Volksschule Ofener Straße und ab 1939 in die 6. Oberrealschule in der Schöningstraße eingeschult wurde, die kurz zuvor den Namen Mackensen-Schule erhalten hatte, womit der berühmte Generalfeldmarschall des Ersten Weltkriegs August von Mackensen, dem Trend der kriegerischen Zeit gemäß, geehrt wurde.

Unsere Schule war ein Gegenpol - so merkwürdig das klingen mag - zum Nationalsozialismus. Sie hatte sich ihre Traditionen bewahrt, und in der Schöningstraße herrschte noch der Geist des guten alten humanistischen Gymnasiums. Natürlich befanden sich auch Nazis unter unseren Lehrern. Aber das merkten wir eigentlich nur daran, wenn sie mal ausnahmsweise in SA-Uniform zum Unterricht kamen. Der zackigste dieser Art war unser Religionslehrer ! Aber er vermittelte uns das Christentum und nicht den Nationalsozialismus.

Der "innere Schweinehund"

Der engagierteste war unser Musiklehrer, aber der organisierte den Luftschutz und die Knochensammlung. Erschreckt hat uns unser Deutschlehrer, als er eines Tages in SA-Uniform zum Unterricht erschien - nie hätten wir gedacht, daß er ein Nazi sei! Nur einer drillte uns im Sinne der Wehrertüchtigung, ließ uns antreten, marschieren, vormilitärische Übungen machen und schnauzte uns an, wir sollten gefälligst unseren inneren Schweinehund überwinden.

Den "inneren Schweinehund" kennt heute kein Mensch mehr; er war erfunden worden, um aus der Jugend Kanonenfutter zu machen. - Man sollte schlichtweg jede Angst überwinden, um stolz und aufrecht der nationalsozialistischen Parole "Führer befiehl, wir folgen" bis in den Tod hinein nachzukommen. Ach so, ich vergaß: Jener Sportlehrer mit dem nationalsozialistischen Gehabe war einer von den ersten, die nach dem Kriege wieder an die Schule kamen - er war natürlich nie in der Partei gewesen! So war das damals. Unser Groll über ihn verflüchtigte sich bald - der Frieden machte friedlich.

Und wir haben dann noch wundervolle Zeiten beim Tennisspiel verbracht, das uns unser stets aktiver und agiler Sportlehrer glänzend beigebracht hatte.

Die Kinderlandverschickung

1943 war unsere Schule "evakuiert" worden. Der Luftkrieg hatte an Heftigkeit zugenommen, und Berlin erlebte die ersten schweren Bombennächte. Die Kinder sollten aus der Stadt heraus. Unsere Schule erhielt eine Dependance an der Weichsel. Graudenz, eine historische Stadt des Deutschritterordens , lag im eroberten Polen und gehörte zum sogenannten "Generalgouvernement", unterstand also einer deutschen Militärregierung. Die Schüler aus Berlin mußten dort Jungvolkuniform tragen und werden sicherlich auf die unterdrückten Polen einen erschreckenden Eindruck gemacht haben. Doch wir waren zu jung, um das schon zu begreifen.

Diese "Kinderlandverschickung" - die Nazis waren groß im Erfinden neudeutscher Worte - war noch freiwillig, das heißt, Schüler, deren Eltern sich weigerten, sie mitzuschicken, konnten in Berlin bleiben, hatten auch Gelegenheit zum Schulunterricht, mußten aber die ständigen Fliegeralarme in Kauf nehmen.

verlegt nach Ostpreußen und Masuren

Das änderte sich nach den großen Ferien 1943. Jetzt wurde die Mackensen-Schule geschlossen und nach Lätzen in Ostpreußen verlegt. In Graudenz war ich nicht mit, nach Lätzen mußte ich. Es bescherte mir die Bekanntschaft mit einem zauberhaften Land, mit reizenden Menschen und einem wundervollen Stück Natur. Lätzen, inmitten der masurischen Seenplatte gelegen, könnte ein Traumziel aller Wassersportler sein, wenn es noch deutsch wäre so wie damals. Alle Nachkriegsentwicklung kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Ostpreußen ein Gebiet war, wie es nicht deutscher sein konnte. Wir fühlten uns heimisch wie in der Mark Brandenburg.

Vom Krieg eingeholt

Die schönen naturverbundenen und friedvollen Tage von Lätzen waren bald vorüber; der Krieg holte uns ein. Von der Schule weg sind die Jahrgänge 1926, 1927 und 1928 "eingezogen" worden. Wir mußten aus Lätzen zurückkehren, und mit meinen Klassenkameraden hatte ich mich am 7. Januar 1944 in der Mackensen-Schule, Schöningsvraße, einzufinden. Von dort marschierten wir, mit dem berühmten Persil-Karton in der Hand, unter Führung eines jungen Luftwaffenoffiziers ab in die Flakbatterie Tegel. Wir waren Soldaten - von einem Tag auf den anderen. Und wir waren 15 Jahre alt! So war das damals.

Mein Freund Horst Müller, Schüler der Mackensen-Schule, konnte sich nicht damit abfinden. An einem Urlaubstag drehte er zu Haus in der Wohnung den Gashahn auf und nahm sich das Leben. Der Drill und die Demütigungen, denen wir im Militär aus gesetzt waren, hatten ihn zermürbt. Er war zu sensibel und nicht "hart wie Kruppstahl", wie die Zeit es von uns Kindern verlangte.

Einberufung und ab nach Jugoslawien

Drei Wochen nach unserer Einberufung wurde die gesamte Flak-Untergruppe Nord nach Marburg an der Drau verlegt. Bis zum Kriege hieß diese Stadt Maribor und gehörte zu Jugoslawien, jetzt hatte sie sich das Deutsche Reich zusammen mit der Südsteiermark einverleibt. Dort unten vermischten sich die Schüler der Mackensen-Schule mit den Schülern der Diesterweg-Schule - und kaum waren wir vermischt, wurden wir wieder auseinandergerissen, denn ein Teil von uns kam nach Filsen.

Wir, die wir in Marburg blieben, beneideten sie, denn sie waren damit näher an Berlin. Wenn wir unsere zwei Tage Urlaub, die uns pro Monat zustanden, zu Hause verbringen wollten, gingen sie schon für Hin- und Rückreise drauf. Wir sparten also zwei Monate lang vier Tage an und begaben uns dann erst auf die Reise, weil es sich sonst nicht gelohnt hätte.

Dazwischen zitterten und bangten wir um unsere Eltern und Angehörigen in Berlin, welches täglich das Ziel von Bombenangriffen war. Bis auch wir in Marburg angegriffen wurden. Ein paar von uns haben es nicht überlebt.

Alles bestens organisiert - auch der Schulunterricht

Mit vollendeter Perfektion und unter Annektierung der guten alten preußischen Tugenden hatte der Nationalsozialismus alles organisiert (bis hin zur Massenvernichtung von Menschen). Wir Soldaten - "Luftwaffenhelfer" nannte sich das schamhaft - sollten natürlich auch nicht den Schulunterricht entbehren. So wurden einige unserer Lehrer abkommandiert, uns nach Marburg zu folgen und uns täglich ein paar Stunden Unterricht zu geben. Die aber fielen meist aus - wegen Fliegeralarm. Doch ebenso fiel der HJ-Dienst aus, der ebenfalls für uns vorgeschrieben war.

Überlebenstraining

Wir lernten, was Soldat zu sein heißt, und das war für uns ein Überlebenstraining. Wir entwickelten eine unglaubliche Begabung, uns zu drücken, wo und wovor wir nur konnten. Es war unsere Art, mit den Dingen fertig zu werden, und erleichtert wurde uns die Sache, weil wir noch immer eine Schulgemeinschaft waren. Trotz unserer Jugend waren wir als Oberschüler naturgemäß intelligenter als das Gros der älteren Stammsoldaten; geistig messen konnten sich eher mit uns die Offiziere. Nachdem wir das spitzbekommen hatten, spielten wir unsere Stärke aus und verblüfften die Unteroffiziere und den Spieß mit immer neuen Streichen, die uns Spaß machten und uns halfen, das schwere Dasein zu ertragen.


Ende Januar 1945 - zurück nach Berlin

Ende Januar 1945 kamen wir zurück nach Berlin in die zerbombte und geschundene Heimatstadt und - machten Schule! Es gehört mit zu den Verrücktheiten jener Zeit, daß das so war. Während immer mehr in Trümmer ging - im März 1945 wurde die gesamte Innenstadt zerstört - liefen wir in unserer Luftwaffenhelfer-Uniform herum und taten so, als wenn uns das alles gar nichts anginge. Wir hatten ja gelernt, uns zu drücken, und die Schule schützte uns.

Unser Schulleiter - Oberstudienrat Werdermann - es sei ihm heute noch dafür gedankt - richtete in der verwaisten Schule für uns eine "Aufbauklasse" ein und gab uns eine Bescheinigung, daß wir den Schulunterricht besuchen, um uns aufs Abitur vorzubereiten. Damit gingen wir zum Wehrbezirkskommando und erreichten, daß man uns vorläufig in Ruhe ließ. In diese "Aufbauklasse" strömte plötzlich alles, was aus der Evakuierung zurückkehrte, weil die Rote Armee bereits in Ostpreußen, Pommern und Schlesien eingedrungen war.

Plötzlich waren wir wieder eine Klassengemeinschaft und zum ersten Mal in der Geschichte der Schule in der Schöningstraße waren Mädchen mit dabei, weil die Charlotte von Lengefeld-Schule ausgebombt, unser Schulgebäude in der Schöningstraße aber verschont geblieben war.

Täglich zittern vor dem Briefträger

Wir warteten auf unsere Einberufung zum Reichsarbeitsdienst, wie das damals so üblich war, oder gar zur Wehrmacht zum Einsatz an der Front, die gar nicht mehr weit entfernt war. Wir zitterten täglich vor dem Briefträger, der diesen Einberufungsbefehl zu bringen hatte.

Doch die Tage vergingen zwischen Schulunterricht, Kinobesuchen und Bombenangriffen, ohne daß der Briefträger das gefürchtete Papier brachte. Die totale, die gut funktionierende nationalsozialistische Bürokratie hatte uns vergessen. Doch leider vergaß sie nicht unsere Schule. In den letzten Kriegstagen, bevor am 24. April 1945 die Russen bei uns einrückten, wurde die Schule zum Quartier des "Volkssturms" gemacht.

Der "Volkssturm" war das letzte Aufgebot an alten und gebrechlichen Männern, die den Untergang des Tausendjährigen Reiches verhindern sollten. Das taten sie nicht - sie waren gottlob rechtzeitig verschwunden, so daß uns, als direkte Anwohner an der Rückseite der Schule in der Dubliner Straße, der Endkampf erspart blieb. Wir und die Schule überstanden den Krieg relativ unversehrt.

April 1945 - Erlebnisse bei der Eroberung Berlins

Vom Hof unseres Wohnhauses gab es einen Mauerdurchbruch zum Hof der Schule, weil im Gebäude ein öffentlicher Luftschutzraum eingerichtet war, den die Anwohner nutzen konnten. Für mich war das angenehm - ich hatte den kürzesten Schulweg, den man sich denken kann: 30 Sekunden von Haus zu Haus, und kam regelmäßig fünf Minuten zu spät, ohne einen Tadel zu bekommen. So war das damals.

Die Tage der Eroberung Berlins sind in die Geschichte eingegangen. Für uns wurden plötzlich die Worte "Frau komm", "Uri-Uri" und die Behauptung "Du Ssoldatt" zu größeren Schrecken als die Schrecknisse des Krieges. Die Russen rückten kampflos ein in unser Gebiet, und die Schule wurde Standquartier einer Pferdeabteilung.

Inmitten der allgemeinen Angst vor den Russen nahm ein freundlicher Panjesoldat mehrmals täglich den Weg durch den Mauerdurchbruch im Schulhof und wurde von uns durchs Haus gelassen, um in der Dubliner Straße an der Handpumpe seine Wassereimer zu füllen. Als Lohn für unsere Unterstützung ließ er gelegentlich ein Schüsselchen Reis da, und wir freuten uns darüber wie die armseligsten Chinesen.

Die Front kommt in die Innenstadt

Mit der Verlagerung der Front in Richtung Innenstadt verschwanden auch die Pferde wieder aus der Schule, und das Gebäude stand leer.

Nun begannen die Bewohner des Häuserblocks, der die Schule umschloß, Schulbänke und Tische hinauszutragen, um sie zu zersägen und Holz zum Kochen daraus zu machen. Ich darf bescheiden für mich in Anspruch nehmen, dieser Barbarei entgegengetreten zu sein. Ich mobilisierte die Schulkameraden aus der Umgebung, und durch heftige Proteste und gelegentliche Besetzung des Schulgebäudes gelang es uns, das Inventar zu retten. Man war allerdings wenig einsichtsvoll. "Was soll das Zeug da noch, ihr werdet doch nie wieder Schule haben", meinten die Leute erbost.

Unser Schulleiter Willi Werdermann

Der erste, der wieder bei uns auftauchte, obwohl er einen Fußweg von 20 Minuten hatte, was damals nicht ungefährlich war, weil die Russen die Angewohnheit hatten, männliche Passanten willkürlich mit den Worten "Du Ssoldatt" in die Kriegsgefangenschaft abzutransportieren, war unser Schulleiter Willi Werdermann. Wir freuten uns über ihn, wie wir uns über jeden freuten, von dem wir erfuhren, daß er den Krieg überstanden hatte. Er kam und ging täglich mit dem Transportmittel der Nachkriegszeit, dem Rucksack.

Aber er hatte keine Lehrbücher drin, sondern die Holzabfälle unserer Renovierungsarbeiten, die wir für ihn sammelten, damit er zu Hause seine kärglichen Rationen zubereiten konnte. Willi Werdermann war für uns so etwas wie eine Symbolgestalt unserer Schule und für unsere Schulgemeinschaft, nicht zuletzt, weil er uns mit seinen Bescheinigungen über die letzten Kriegsrunden gebracht hatte.

Unsere Schule wieder herrichten

Gemeinsam gingen wir daran, unsere Schule wieder her zurichten, die Fenster, die zerbrochene Scheiben hatten, mit Pappe zu vernageln, wofür erst Nägel (größte Mangelware der Kriegs- und Nachkriegszeit) gesucht, gezogen und gerade geklopft werden mußten, die Schulklassen wieder einzurichten (Tische und Bänke waren auf die Höfe geworfen worden und verrotteten) und in den Physik- und Chemieräumen Ordnung zu schaffen.

Weder Bomben noch Granaten hatten unserer Schule größeren Schaden zugefügt, auch die kurze Russenbesetzung hatte ihr nichts angetan, nur der deutsche "Volkssturm", das letzte Aufgebot, hatte in den Räumen gehaust, als seien die letzten Tage der Welt angebrochen.

So war's mitnichten. Es ging schneller bergauf, als man es erwartet hätte. Schule und Kultura waren den Russen wichtige Dinge, das merkten wir bald, nachdem am 7. Mai 1945 der Friede eingekehrt war. Schon wenige Tage später firmierten wir als "Höhere Schule in der Schöningstraße" und begannen wieder mit dem Unterricht, der sich mehr und mehr normalisierte.

Heil und gesund

Heil und gesund, ja überhaupt Krieg, Nazizeit und Russeneroberung überlebt zu haben, war ein Gottesgeschenk.

Unsere Jahrgänge 1927 - 1929 sind noch glimpflich davongekommen, obwohl wir mittendrin standen. Wir vergessen nicht unsere Kameraden, die im Krieg ihr junges Leben lassen mußten, und wir wollen auch die Mitschüler der älteren Jahrgänge nicht vergessen, die einen weit höheren Blutzoll zahlen mußten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Namen der Gefallenen noch in der Ehrentafel im Flur des Schulgebäudes verewigt - der Zweite Weltkrieg forderte so viele Opfer, daß die Wände nicht ausgereicht hätten.

Weil keine Ehrentafel ihre Namen nennt

Wer gedankt heute noch dieser im Krieg getöteten Jugend und auch jener Schulkameraden, die als Juden gebrandmarkt wurden, unsere Schule verlassen mußten und wahrscheinlich in irgendeinem der unmenschlichen Konzentrationslager hingemordet worden sind?

Wer denkt an jene Mädchen, die von Russen vergewaltigt und auch getötet worden sind, wie jene Schulkameradin aus unmittelbarer Nachbarschaft unserer Schule, deren Name längst vergessen ist? Wer denkt an die Mitschüler, die noch jahrelang in russischer Kriegsgefangenschaft dahinvegetieren mußten, und an jene Kriegsopfer, die als Schwerbeschädigte durchs Leben gehen müssen? Das Jubiläum der Schule sollte Anlaß sein, sich auch all derer zu erinnern, die Opfer von Krieg und Gewalt geworden sind - allein schon deshalb, weil keine Ehrentafel ihre Namen nennt.

"Jungs sind doch viel praktischer."

Bei Wiederbeginn des Unterrichts im Mai 1945 galt es noch immer, Fenster mit Pappe zu vernageln, Inventar zusammenzutragen und passende Schlüssel für Türen, Schränke und Schubladen herbeizuzaubern. Wir Jungen beschäftigten uns sehr damit, weil es einen doppelten Effekt mit sich brachte: Erstens ließen sich damit Schulstunden schwänzen, und zweitens brachten uns unsere Erfolge auch noch Lob unserer Lehrerin ein, die, bis dahin nur an einer Mädchenschule gewesen, mit Erstaunen feststellte: "Jungs sind doch viel praktischer."

Unser Oberstudiendirektor Wendisch

Der frühere Leiter unserer Schule, Oberstudiendirektor Wendisch, der während des Krieges als Offizier im Einsatz gewesen war, kehrte zurück und übernahm wieder sein Amt. Er war ein großartiger, sehr menschlicher Direktor, doch es waren ihm nur noch wenige Monate beschieden, dann starb er an den Folgen von Krankheiten, die er sich aus dem Krieg mitgebracht hatte.

Dann kam doch etwas "Normalität"

Nachdem die Rote Armee unser Gebiet kampflos erobert, Frauen und Mädchen mit Grausamkeiten gequält, uns ausgeplündert und unsere Rundfunkgeräte beschlagnahmt hatte, nachdem die Bewohner aus vielen heilgebliebenen Wohnungen vertrieben worden waren und russische Soldaten wie die Barbaren darin gehaust hatten, normalisierte sich das Leben relativ schnell.

Stalin hatte jegliche Chance verspielt.

Die wenigen Wochen des Hunnensturms aber hatten dafür gesorgt, daß Sowjets und Kommunisten nie wieder Sympathie unter den Berlinern erlangen konnten. Stalin hatte jegliche Chance verspielt. Er selbst hatte noch den Besiegten auf großen Tafeln, die fast an jeder Straßenecke errichtet worden waren, den Spruch verkündet: "Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleibt."

Das war die erste psychologische Fehlleistung des sowjetischen Diktators, denn die Berliner sagten dazu: "Aha, der eine Hitler ist gerade gegangen, da ist der nächste schon da."

Erst kamen die Engländer, dann die Franzosen

Unsere Situation im Bezirk Wedding verbesserte sich, als am 3, Juli 1945 englische Truppen den Bezirk als Besatzungsmacht übernahmen, und verschlechterte sich wieder, als wenige Wochen später die Engländer von den Franzosen abgelöst wurden. In den Dingen der Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern in der Hungerzeit der Nachkriegsjahre waren wir der am schlechtesten versorgte Sektor Berlins. Man ließ uns merken, daß die Franzosen noch immer keine gute Beziehung zu Preußen gefunden hatten, was nach dem Grauen des Krieges zwar verständlich war, die Franzosen aber im Verhältnis zu den anderen Besatzungsmächten in ein schlechtes Licht setzte.

Mehr als einmal mußte der Schulunterricht im Katastrophenwinter 1945/46 wegen Kohlenmangels ausfallen; es gab kälte frei. Dennoch: Neue Zeiten waren angebrochen.

Neue Zeiten waren angebrochen.

Und die Schule mußte einen Lernprozeß durchmachen - mit uns! Die Lehrer mußten begreifen, daß die Zeit uns Schüler schon gereift hatte, bevor sie uns das Zeugnis der Reife übergaben. Wir Jungen waren Soldaten gewesen, und die Mädchen unserer Klassen hatten die Schrecken der sowjetischen Soldateska über sich ergehen lassen müssen. Der Schulunterricht der letzten Jahre vor dem Abitur war nur unter gegenseitiger Achtung möglich. Es entwickelte sich ein kameradschaftliches Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern, das sicherlich einmalig war und nicht mehr wiederkehren wird.

Nach Stalins Bekanntschaft wollten wir keinen Kommunismus

Die Welt öffnete sich uns wieder, und das gleich von vier Seiten in der Vier Sektorenstadt. Wir dürsteten nach Demokratie und wollten sie uns aufbauen, doch die Russen waren entschlossen, uns den Kommunismus zu verordnen. Den aber wollten wir nicht, nachdem wir Stalins Bekanntschaft gemacht hatten.

Im kommunistisch geführten Bezirksamt Wedding wurde ein sogenannter Schülerausschuß eingerichtet. Mein Freund Hans-Jürgen Schmidt und ich waren die Vertreter der Höheren Schule in der Schöningstraße, die nunmehr Lessing-Schule hieß. Wir hatten Mühe, mit ein paar Gleichgesinnten aus anderen Schulen des Bezirks um Demokratie und demokratische Spielregeln zu kämpfen. Der kommunistische Einfluß endete erst, als die Berliner der drei Westsektoren bei den Wahlen 1946 der neugegründeten Sozialistischen Einheitspartei (SED), mit der Berlin politisch beherrscht werden sollte, eine Abfuhr erteilten. Das gab den ersten Anstoß zur späteren Berliner Blockade.

So war das damals.

Einige Mitschüler verließen uns, um in einer eigens eingerichteten " Aufbauklasse" am Reichskanzlerplatz (dem heutigen Theodor-Heuß-Platz) schneller zum Abitur zu kommen.

Wir hingegen machten in unserer alten Schule mit neugewonnenem Lebensmut weiter, freuten uns, daß wir nun mit Mädchen "gemischt" waren (einige spätere Ehen sind daraus hervorgegangen), absolvierten 1947 unser Abitur und verließen die Schule, um in das Leben zu treten, das uns bereits kräftig getreten hatte. So war das damals.

1981 - unser Klassentreffen

Ich betrat die Schule wieder im Juni 1948, um dort in der Turnhalle jene 60 Deutsche Mark "Kopfgeld" entgegenzunehmen, die jedem bei der Währungsreform zustanden. Obwohl ich noch viele Jahre direkt neben der Schule wohnte, habe ich sie dann erst wieder 1981 anläßlich eines Klassentreffens besucht. Zumindest räumlich hatte sich nicht viel verändert. Heute erst, durch das Jubiläum der Schule, wird mir bewußt, daß von den 100 Jahren des Bestehens der Schule die neun schwersten und ereignisreichsten von mir miterlebt worden sind. Das war damals von 1939 bis 1947.

Günter Bartosch - geschrieben 1982
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